Alles Hobby, oder was? - Die Sache mit dem Lesungshonorar

Freitagabend, der Pizzabote steht vor der Tür. Der Kunde nimmt freudestrahlend die bestellten Salami-, Thunfisch- und Funghi-Pizzakartons entgegen. „Das riecht lecker, vielen Dank!“, sagt er und will gerade die Tür schließen, als der Pizzabote herumzudrucksen beginnt: „Vorhin am Telefon hatten wir ausgemacht, dass ich 14 Euro fünfundsiebzig dafür bekomme.“

Der Kunde schaut irritiert. „Nein, also das hatte ich ganz anders verstanden. Ihr Kollege neulich, der hat die Pizza gratis vorbeigebracht. UND eine Flasche Wein noch dazu.“

„Ich weiß nicht, wie der Kollege das macht, aber ich bin verheiratet, habe drei Kinder, und die Arbeitszeit und das Material muss mir doch jemand bezahlen …“

„Arbeit würde ich das ja nun nicht nennen, das kann doch jeder. Meine Frau zum Beispiel, die bäckt wunderbare Pizza, aber die ist heute nicht da. Das bisschen Mehl, das man dazu braucht, und Tomatenzeug, das kostet ja auch nicht die Welt. Also, mehr als drei Euro kann ich Ihnen beim besten Willen nicht geben.“

Der Pizzabote befürchtet, gar nichts zu bekommen, wenn er auf das Angebot nicht eingeht. Also nimmt er die drei Euro, geht wutschnaubend zu seinem Auto und schwört, diesen Kunden nie mehr zu beliefern, auch wenn er bekannt dafür ist, sehr häufig Pizza zu bestellen.

Unvorstellbar?

Und doch geschieht genau dies in anderer Form täglich. Man muss nur das Wort „Pizzabote“ gegen das Wort „Autor“ austauschen, „Pizza“ gegen „Lesung“ und „Kunde“ gegen „Veranstalter“ (das kann eine Buchhandlung, Kultureinrichtung o. ä. sein).

Bei kleineren Buchhandlungen funktioniert es mit dem Lesungshonorar auch meist so, wie es sein sollte. Der Autor oder die Autorin macht einen Lesungstermin aus und bespricht die Höhe des Honorars. Die Besucher zahlen ein paar Euro Eintritt, von denen das Autorenhonorar bezahlt wird. Waren nicht genügend Zuhörer anwesend, nimmt der Buchhändler die Differenz aus der eigenen Kasse, schließlich war ja eine bestimmte Summe vereinbart. Diese Vereinbarung kann durchaus mündlich geschehen.

Es ist jedoch Vorsicht geboten, wenn das Bauchgefühl gleich zu Beginn Alarm schlägt. So hatte zum Beispiel eine große Buchhandlung schon bei der äußerst zähen Honorarverhandlung einen Hang zu, sagen wir, extremer Sparsamkeit gezeigt und sich mir gegenüber dann am Ende der Lesung genauso verhalten wie der Kunde des oben genannten Pizzabäckers. Seither habe ich mich gefragt, ob wir Autorinnen und Autoren uns nicht grundsätzliche Gedanken über die Bezahlung unserer Arbeit machen sollten, und was wir dafür tun können, um unsere Forderungen durchzusetzen.


„Das ist doch kostenlose PR für Ihr Buch!“


Zunächst einmal sollten Autoren überhaupt Forderungen stellen! Kein Veranstalter wird freiwillig mit einem Sack voller Goldstücke hinter uns her rennen – dieses Bild kann man getrost ins Reich der Märchen verbannen. Jeder Autor, der eine Lesung hält, muss darauf hinweisen, dass diese Arbeit – denn um eine solche handelt es sich – auch zu entlohnen ist. Das Problem hierbei: Autoren, die noch nicht so lange dabei sind, kommen oft gar nicht auf die Idee, dass ihnen für ihre Buch-PR (und für die Möglichkeit, der eigenen Eitelkeit ein wenig schmeicheln zu dürfen) auch noch Geld zusteht.

Dann sollten diese Autoren ganz kurz darüber nachdenken, ob sie denn für ein anderes Produkt, beispielsweise das Buch eines Kollegen, auch gratis Promotion machen würden.

In der akuten Verhandlungssituation kommt man auf derartige Ideen natürlich nicht, und Veranstalter reiten gerne auf dem PR-Argument herum – meist mit dem Hinweis auf den sich erhöhenden Buchverkauf nach der Lesung. Vielleicht hilft es da, beim nächsten Mal folgende vereinfachte Beispielrechnung zu präsentieren:

Der fiktive Nettoladenpreis liegt bei zehn Euro, der fiktive Anteil des Autors bei zehn Prozent (oft genug darunter). Um das vom Verband deutscher Schriftsteller (VS) empfohlene Mindesthonorar von umgerechnet 255,65 Euro* zu erreichen, müssten pro Lesung 256 Bücher verkauft werden. Pro Lesung, wohlgemerkt, und, wie gesagt, bezogen auf das Mindesthonorar! Wenn der Veranstalter danach weiter auf seiner PR-Theorie und einer Gratislesung besteht, sollte der Autor dort nicht länger seine kostbare Zeit verschwenden.

Sehr kontraproduktiv ist in diesem Zusammenhang auch eine Empfehlung, die ich in einem (aktuellen) Leitfaden für Autorenlesungen gefunden habe:

„Aus betriebswirtschaftlichen Zwängen werden (…) Lesungen von unbekannten Autoren nicht selten abgelehnt. Wenn Sie also den Buchhändler um Gehör bitten, machen Sie es ihm leicht und angenehm. Empfehlen Sie sich als neuen Autor bzw. Autorin, die etwas Neues zu sagen haben. Wenn der Buchhändler nicht von sich aus ein Honorar anbietet, sollten Sie von sich aus zu erkennen geben, dass Sie mit einem Honorar nicht rechnen.“ **


Was nichts kostet, ist nichts wert!


Wenn sich Autoren selbst nicht ernst nehmen und sich stattdessen in die Hobby-Ecke stellen, wie sollen es dann andere tun? Wie soll man uns ernst nehmen, wenn wir unsere Arbeitskraft gratis hergeben? Die Binsenweisheit „Was nichts kostet, ist nichts wert“ sollten sich alle Autoren zur Erinnerung an den Spiegel heften. Vielleicht ist es dann möglich, dass sich das Image schriftstellerischer Tätigkeit im Bewusstsein der Bevölkerung langfristig verbessert.

Dabei will ich nicht unerwähnt lassen, dass es viele Autoren auch nach ihrer ersten Veröffentlichung Überwindung kostet, sich selbst überhaupt „Autor“ zu nennen. Einige haben auch Angst vor Lesungen und noch mehr vor den Honorarverhandlungen, weil die kaufmännische Seite der „Autorenmedaille“ den eher künstlerisch veranlagten Schriftstellern häufig nicht sonderlich liegt.

Dies ändert sich auch nicht unbedingt mit steigenden Veröffentlichungszahlen.


Auch prominente Autoren haben es nicht viel leichter


Vielen Gesprächen und Mails von Kolleginnen und Kollegen entnahm ich, dass auch sehr bekannte Autoren ihr Honorar nicht selbstverständlich erhalten, sondern es massiv einfordern müssen.

Ich sehe das Dilemma für Veranstalter mit neuen Autoren durchaus, da sie nicht wissen können, auf welche Weise die Texte vorgetragen werden. Jedoch sollte es für den Veranstalter ausreichen, das jeweilige Buch (an)zulesen, um die Qualität des Inhalts einordnen zu können. Auch berühmte Autoren lesen mitunter langweilig - dieses Risiko geht der Veranstalter immer ein.

Vom bloßen Schreiben leben, das können die Wenigsten. Um den Lebensunterhalt zu bestreiten, gehören Lesungen unverzichtbar dazu. Doch solange Autoren gratis lesen (von Benefizveranstaltungen natürlich abgesehen), werden diejenigen, die ihren Lebensunterhalt damit bestreiten, ständig mit dem Totschlagargument konfrontiert: „Kollegin XY hat neulich für die Lesung aber auch kein Geld genommen!“

Ein erster Schritt in die richtige Richtung sind beispielsweise Autorengruppen, die sich zum Ziel setzen, niemals völlig ohne Honorar zu lesen. Gemeinsam kann man dies besser durchsetzen, auch wenn der einzelne Autor entsprechend weniger bekommt (aber auch dementsprechend kürzer liest).

Doch auch als Einzelkämpfer sollten wir uns rechtzeitig wappnen und die Honorarverhandlung professionell angehen.


Wie mache ich es richtig?


Dazu habe ich Reimer Eilers befragt, Autor und Experte bei mediafon, dem Beratungsservice von ver.di für Solo-Selbstständige.

Sein Rat lautet, das Honorar in jedem Fall VOR der Lesung auszuhandeln. Die Autoren sollten dabei die 255-Euro-Empfehlung des VS immer im Hinterkopf behalten und sie dem Veranstalter auch mitteilen, damit sie nicht als „individuell gierig“ dastehen. Was natürlich nicht bedeutet, dass diese Summe immer erreicht wird, aber es ist eine solide Diskussionsgrundlage, vor allem wenn man dem Veranstalter klar macht, dass nach Abzug aller Steuern und Versicherungen*** (Kranken-, Renten-, Berufsunfähigkeitsversicherung, etc.) ein Stundenlohn von rund zehn Euro übrig bleibt.

Wenn dann das PR-Argument vorgebracht wird, solle man laut Eilers darauf nicht eingehen:

„PR ist gar kein Argument. Wenn man sich drauf einlässt, verdient man gar nichts.”

Nach dem Telefonat mit dem Veranstalter schickt man am besten eine Auftragsbestätigung, in der man sich auf das Telefonat bezieht und das vereinbarte Honorar plus 19% Mehrwertsteuer schriftlich festhält. Geht die Auftragsbestätigung per Mail an den Veranstalter, empfiehlt es sich, diese Mail gleichzeitig per cc/Kopie einer vertrauenswürdigen Person zu schicken, um damit beweisen zu können, dass diese Mail auch tatsächlich abgeschickt wurde. Wenn der Veranstalter dieser Auftragsbestätigung nicht widerspricht, ist die Vereinbarung gültig.

Aufpassen: Die Mehrwertsteuer kann bei Lesungen in Bibliotheken nicht erhoben werden, da diese von der Umsatzsteuer befreit sind.

Im Anschluss an die Lesung wird das Honorar vom Veranstalter üblicherweise in bar ausgezahlt. Da manche Veranstalter keine fertige Quittung zur Unterschrift bereithalten, sollte der Autor stets ein vorbereitetes Rechnungsexemplar dabei haben mit dem Vermerk „Betrag XX,- Euro in bar dankend erhalten“.

Bei größeren Events kann es auch möglich sein, dass das Honorar per Überweisung gezahlt wird. Auch da ist es günstig, dies im Vorfeld geklärt und schriftlich festgehalten zu haben.

Ich möchte noch hinzufügen, dass bei Lesungen, die eine Übernachtung erforderlich machen, in der Regel der Veranstalter für die Organisation und Bezahlung der Unterkunft zu sorgen hat. Dies kann nach Absprache auch in einem Privathaushalt erfolgen. Auch diese Regelung sollte Bestandteil der Auftragsbestätigung sein.

Programme zusammenstellen

Es macht sich übrigens gut, wenn man verschiedene Lesungsprogramme anbietet und zur Auswahl auf die eigene Autorenhomepage stellt. Dort können zudem die Kosten für die verschiedenen Veranstaltungen vermerkt werden, etwa Rabatte, wenn mehrere Lesungen an einem Tag erfolgen, oder Materialkosten, wenn man als Kinderbuchautorin zum Beispiel mit seinen jungen Zuhörerinnen und Zuhörern etwas bastelt. So kann man bei den Honorarverhandlungen direkt darauf verweisen. Am besten dort ebenfalls auf die VS-Mindestforderung hinweisen.

Sicher liegt es nicht nur an den Kolleginnen und Kollegen, die bereit sind, für Null Euro zu lesen, dass es immer schwieriger wird, überhaupt noch bezahlte Lesungen zu erhalten. Die Unsitte, gerade Berufsanfänger gratis oder für ein Taschengeld arbeiten zu lassen, greift immer mehr um sich; erinnert sei nur an den Begriff „Generation Praktikum“. Auch im Verlagswesen und Buchhandel haben Volontäre häufig nur Zeitverträge und werden schlecht bezahlt. Dass in einem solchen Umfeld wenig Verständnis für die berechtigte Forderungen von Autorinnen und Autoren aufkommt, ist sicher kein Wunder.


_________________________

Kurz zusammengefasst:

- Honorar vor der Lesung aushandeln, am besten gleich bei der Terminvereinbarung

- Die 255,- Euro Mindestforderung des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) als Verhandlungsbasis erwähnen.

- Ggf. wegen der Lesungskosten auf die Autorenhomepage verweisen.

- Per Brief oder Mail Auftragsbestätigung mit allen besprochenen Parametern an den Veranstalter schicken.

- Nach der Lesung vorgefertigte Rechnung oder zumindest Quittungsblock bereithalten.

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Anmerkungen:
* Die letzte Honorarumfrage ist von 1998; damals wurden 500,- DM empfohlen; dieser Honorarsatz ist bisher nicht angehoben worden.

** Ingrid Pohl, Leitfaden für Autorenlesungen, in: Der Ratgeber für neue Autoren 2006/2007, Frankfurter Ratgeberverlag

*** Eine Übersicht (allerdings auf DM-Basis) ist der mediafon-Honorarumfrage von 1998 zu entnehmen.

Der Artikel erschien in der Federwelt Nr. 63, April / Mai 2007


© Petra A. Bauer, 04/2007
Dieser Text darf nicht ohne die ausdrückliche Genehmigung der Autorin anderweitig veröffentlicht werden. Dies gilt auch für alle anderen Texte der Internetseiten, die zum Webangebot von Petra A. Bauer gehören. Benutzen Sie bitte das Kontaktformular für die Anfrage. Ich teile Ihnen dann auch gerne meine Honorarvorstellungen mit.

Die Welt ist klein – Lasst uns eine neue bauen!

Der Hype um Second Life ließ unserer Autorin Petra A. Bauer keine Ruhe: Würde sie in dieser Welt verschwinden und nur noch als Avatar existieren? Würde sie dort viele neue Leser für ihre Bücher finden? Wie sinnvoll mag es für Verlage sein, dort ein zweites Standbein zu errichten? Lohnen sich Second-Life-Filialen für Buchhandlungen? Voller Vorfreude, aber auch ein wenig bange, machte sie sich auf den Weg ins Ungewisse.

Darf ich mich vorstellen? Bailey. Priscillina Bailey. Doppelnullagentin der Federwelt, mit der Lizenz zum Schreiben.
Mein Auftrag - die Suche nach Antworten auf die großen Fragen:
Muss ein Verlag, der etwas auf sich hält, auch in der Zweitwelt vertreten sein? Haben Autoren dort gute Marketingmöglichkeiten? Gibt es ein Leben neben dem Tod?

Ich war allerdings nicht gerührt, als ich Second Life auf den Rechner lud, sondern habe mich vielmehr geschüttelt, als ich begriff, auf was ich mich allein bei der Anmeldeprozedur eingelassen hatte.

Schon die Namensgebung ist eine Hürde, da es nur eine bestimmte Auswahl von Familiennamen gibt. Aber das ist nichts gegen die seltsame Insel der Orientierungslosen,  bei der der Neuankömmling vier mehr oder weniger sinnvolle Tutorials absolvieren muss. Fliegenlernen war ganz hilfreich, aber es ist mir bis heute nicht gelungen, die Haarfarbe zu ändern ohne gleich eine Betonfrisur herzustellen.

Also war Priscillina – die Leute nennen mich Pris – bis vorhin noch immer im ursprünglichen Outfit unterwegs. Auch gut. Diese Erkenntnis hat mich jedoch schon einen nicht unerheblichen Teil meiner Lebenszeit im Erstleben gekostet. Vielleicht ist dies ein guter Zeitpunkt, um anzumerken, dass ich zuvor noch nie ein MMORPG (Massively Multiplayer Online Role-Playing Game)  gespielt habe, ein Faktor, der auf viele Autoren zutreffen dürfte.

So wanderte ich, bzw. Priscillina, stellvertretend für andere Autoren ohne Spielerfahrung, weiter durch die Pixelwelt. Ein attraktiver Kerl, der sich schon ein wenig länger in SL tummelte, führte mich herum, und so sah ich diverse Clubs von innen, besuchte gar den Louvre, nur die Buch- und Verlagswelt wollte sich mir nicht erschließen. 

Dann sah ich in einer Pressemitteilung, dass die englische Buchhandlung Snowbooks auch in SL vertreten sei. Mit der Suchfunktion gelangte ich dorthin – und stand vor verschlossenen Türen. Genauer: Es war niemand da, denn die Läden sind alle offen, damit man sich umschauen kann. Ich hinterließ dem Besitzer von Snowbooks eine Nachricht, und bekam nur Tage danach die – kurzen – Öffnungszeiten mitgeteilt.

Nachts um halb drei gab ich dann auf. Nach acht Stunden in der virtuellen Welt, und einem weiteren Kurzbesuch bei Tage, als alles

menschen

avatarleer war, stand mein erstes Urteil fest: Second Life ist etwas für Nachtschwärmer und Singles (es sei denn, Partner und Familie haben kein Problem damit, wenn man stundenlang nicht ansprechbar ist), und für Autorenmarketing viel zu mühsam.

Ich rate Autoren gerne, den Fernseher zu ignorieren, um Zeit zum Schreiben zu schaffen. Sollte man die so gewonnene Zeit dann im Zweitleben verbringen? Ich wollte hier schreiben, dass ich lieber Kontakte via OpenBC oder MySpace knüpfe. Gerade auf http://www.MySpace.com tummeln sich immer mehr Autoren, und mit einer Viertelstunde administrativer Arbeit pro Tag kann man seine Botschaft schon ganz gut in die Welt tragen.

Der aufmerksame Leser hat den Konjunktiv bemerkt. Kurz vor der Deadline für diesen Beitrag, fand in Second Life ein Vortrag des Literaturcafés zum Thema Online-Marketing für Verlage, Buchhandel und Autoren statt. Als hätten sie es gewusst!

Ich teilte der Familie mit, dass ich diesen Vortrag um acht in Second Life besuchen würde.
„Ach, du bist heute Abend gar nicht zu Hause?“
Was mich zunächst schmunzeln ließ, erwies sich letztlich als sehr wahr: Hören, sprechen, chatten, mich um den SL-Absturz kümmern, Notizen machen, alles gleichzeitig, hochkonzentriert – ich war tatsächlich sozusagen den ganzen Abend nicht da, sondern in meinem Büro. Nicht ansprechbar, da mein Skypecast-Mikro offen war, und sich sicher niemand für Unterhaltungen mit meinen Kindern interessiert hätte.

Priscillina lief eine halbe Stunde vor Beginn am Veranstaltungsort ein und fand auch noch einen Platz. Die Verbindung via Skypecast war vorbildlich, doch pünktlich zu Beginn des Vortrags fand offenbar ein System-Reboot bei SL statt. Es flogen alle nacheinander wieder aus der virtuellen Welt, und waren nur noch akustisch miteinander verbunden. Der ebenfalls anwesende Autorenkollege Titus Müller sagte dazu augenzwinkernd: „Die kleinen technischen Macken verkraftet man durch das Gefühl, Pionier zu sein.“

Rund vierzig solcher Pioniere, lauschten den Möglichkeiten, die das ‚Mitmachnetz’ Web 2.0 Autoren, Verlagen und Buchhandlungen bietet. Vom Bloggen, über Podcasten bis zum MySpace-Account wurden Beispiele genannt. Allen Anwendungsmöglichkeiten gemeinsam ist jedoch, dass man eine unerschütterliche Leidenschaft für das Thema benötigt, sowie Experimentierfreude und Spontaneität.  Wer zum Bloggen bei einem kommerziellen Blog quasi gezwungen wird, verliert schnell die Lust.

Noch mehr gilt das Vorgenannte jedoch für Marketing in Second Life. Einige Autoren, haben sich inzwischen Läden in einem deutschen Viertel von Second Life gemietet. Einer verkauft Kurzgeschichten und lässt sich die Wochenmiete des Ladens vom Verlag bezahlen, ein anderer glaubt nicht an kommerziellen Erfolg in SL direkt, sondern setzt darauf, dass durch zustande kommende Kontakte, der Bekanntheitsgrad außerhalb von Second Life steigt. Das Literaturcafé sieht den Effekt eher in Einzelveranstaltungen als in Dauerpräsenz.

Die Frage, die über allem steht, lautet jedoch: Ist der Marketingeffekt messbar? Verkaufen Verlage, Buchhändler, Autoren auch nur ein einziges Buch mehr, wenn sie in Second Life präsent sind?

Eine Antwort darauf ist schwer zu geben; zumindest sind direkte Links zu Online-Buchhändlern eine Möglichkeit, anderen Avataren den Kauf zu erleichtern. Ansonsten scheint eine Pressemitteilung, dass man nun auch in Second Life vertreten ist, beinahe einen größeren Werbeeffekt zu haben, als die Anwesenheit selbst.

Ein unschlagbarer Vorteil besteht jedoch in der Erreichbarkeit von Personen, die man im Erstleben schon deshalb nicht erreichen würde, weil sie ganz woanders leben. Lesungen vor Avataren aus Hamburg, München, Wanne-Eickel und Mönchengladbach gleichzeitig stellen kein Problem dar, ebenso, wie bei der Veranstaltung des Literaturcafés Autoren anwesend waren, die man sonst nur umständlich auf Literaturfestivals begegnen kann. So war der Smalltalk via Skype und Chat am Schluss sehr interessant und „netzwerkig“.

Meine anfängliche Skepsis ist nicht ganz gewichen, aber der Abend hat mich davon überzeugt, dass es sich lohnt, einen eigenen Weg in Second Life zu finden. Ein wenig Zeit werde ich wohl investieren müssen, um mich besser in SL zurechtzufinden. Vom Veranstalter habe ich schon ein neues T-Shirt geschenkt bekommen. Der Rest wird sich finden.

KASTEN:
• Deutschsprachige Autoren sollten sich sinnvollerweise in deutschen SL-Communities aufhalten. Deutschland heißt dort ‚Apfelland’. Einige Autoren haben ihren Sitz in der ‚Altstadt Kasada’ (in die Suchmaske eingeben und sich dorthin teleportieren lassen)
• ‚Newbies’ sollten sich an alteingesessene Avatare halten und sich von diesen helfen lassen. Das macht den Einstieg weniger mühselig.
• Größere Einzelereignisse sind vermutlich effektiver als eine Dauerpräsenz, bei der u.a. Ladenmiete anfällt.
• Niemand sollte sich zwingen eine Second-Life-Dependance anzulegen. Ohne Leidenschaft und Experimentierfreudigkeit und Geduld kommt man dort nicht weit.


© Petra A. Bauer, 07/2007 für die Autorenzeitschrift “Federwelt”
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Ich bin so frei!

Freie Journalistin und Autorin - klingt das nicht verlockend? Der Begriff “Schriftsteller” erst! Verheißt er nicht süßes Leben bei freier Zeiteinteilung, haufenweise Geld und rauschende Partynächte? Nur dann arbeiten, wenn einen die Muse küsst - das ist doch traumhaft! Kein Chef, der Vorschriften macht, niemand, der etwas dagegen hat, wenn man sich um neun Uhr noch mal auf die andere Seite dreht, während Arbeitnehmer bereits in der Tretmühle ackern ...

Es gibt ein Wort an dieser Vorstellung, das der Wahrheit entspricht: Traum. Besonders viele halbwüchsige Mädchen begegnen mir in letzter Zeit mit dem Berufswunsch “Schriftstellerin”, Zusatz: berühmt.

Wenn ich ihnen dann erkläre, dass das harte Arbeit ist, bei der man sich diszipliniert (na ja), täglich zu einer bestimmten Zeit an den Schreibtisch setzen muss, und nicht eher wieder aufstehen darf, bis man eine bestimmte Anzahl von Worten oder Seiten produziert hat, dann sehen sie mich irritiert an - und glauben mir kein Wort.

Aber niemand wird je ein Buch fertig stellen, wenn er auf die göttliche Eingebung hofft, und ich bekäme keine einzige Zeile zu Papier, wenn ich auf meine lieben Mitmenschen hören würde, die davon überzeugt sind, ich könne mir meine Zeit frei einteilen.

Genaugenommen gehen die meisten Leute hier in der Gegend ohnehin davon aus, dass ich den ganzen Tag gemütlich die Füße hochlege, wo ich doch nicht arbeiten gehe ... Dabei brauche ich oft einen ziemlich starken Willen, um mir irgendwie Zeit zum Schreiben freizuschaufeln.

Meist läuft es folgendermaßen: Nachdem ich meine vier Kinder in die Schule gebracht habe (mit dem üblichen Geschrei am Morgen, versteht sich), ignoriere ich das Frühstückschaos in der Küche und im Rest des Hauses und setze mich um 8:00 Uhr an meinen Schreibtisch. Der Vormittag ist die einzige Phase des Tages, wo ich - wenn es gut läuft - ungestört arbeiten kann. Unter Aufbietung aller Kräfte vermeide ich es, zuerst meine Mails durchzulesen. Ich schaue auch nicht nach, was meine Autorenkollegen so in ihren Weblogs schreiben. Manchmal gewinnt zwar das Internet, aber das sind dann auch die Tage, an denen ich nicht viel Geschriebenes vorweisen kann.

So stürze ich mich also auf meine Arbeit. Erledigt wird zuerst was schnelles Geld, dann, was Ruhm und Ehre verspricht, sprich: Publikationen ohne Bezahlung aber im richtigen Medium. Am angenehmsten ist es, wenn nichts von beidem ansteht, dann kann ich mich in aller Ruhe meinem Roman widmen. Schön, wenn ich dann auch noch den Ratschlag beherzige, nicht gleichzeitig zu schreiben und zu lektorieren, denn dann schaffe ich ganz gut was weg.

Das bedeutet, dass ich Erledigungen, sowie soziale Kontakte vormittags wie die Pest meide, denn wenn ich erst einmal einer redseligen Mit-Mutter in die Hände gefallen bin, habe ich meist schon verloren. Und ich kann auch nicht jedes Mal einen dringenden Artikel vorschieben. Dabei ist es schon sehr hilfreich, dass ich auch journalistische Texte schreibe, so muss ich mein Buchprojekt niemandem auf die Nase binden. Ich glaube, es war Stephen King, der sagte, dass man als unveröffentlichter Romanautor etwa dasselbe Ansehen hat, wie ein Stadtstreicher, und ich fürchte, das ist sehr gut beobachtet.

Im Gegensatz zu Autoren, die mehr oder weniger den ganzen Tag zur Verfügung haben, werde ich vermutlich noch länger als “Stadtstreicher” und “Füßehochleger” unterwegs sein, denn in Nullkommanix sind die Kinder aus der Schule zurück, schreien nach Futter und Hilfe bei den Hausaufgaben. Wenn ich einen dringenden Auftrag vormittags nicht geschafft habe, muss ich zwar auch mal nachmittags ran, aber da heißt es dann: Arbeiten mit hohem Geräuschpegel. Gift für jemanden, der ohnehin schon Konzentrationsprobleme hat. Und es gibt für mich kaum etwas frustrierenderes, als wenn sich in mir ein wunderbar runder Satz formt …. kurz davor aufs Papier entlassen zu werden … - und dann brüllt mir meine Jüngste ins Ohr: “Mamiiii, der Philipp hat mich gehauen!” Satz weg, Laune auf dem Nullpunkt. Wenn nicht ohnehin Chauffeurdienste anstehen, gebe ich an dieser Stelle auf.

Dann ist es sowieso bald Zeit zum Kochen, aber ich habe bislang weder Wäsche gewaschen, den Geschirrspüler bestückt, noch sonst etwas Sinnvolles zustande gebracht. Bis das Essen endlich fertig ist, das sich wieder einmal nicht ohne mein Zutun gekocht hat, ist es meist recht spät. Dann schicke ich die Kinder ins Bett. Noch vorgelesen und geküsst - schon wieder halb neun. Nun schnell zurück an den PC.

Ach, ja, mein Mann. Den kann ich doch nicht schon wieder den ganzen Abend alleine sitzen lassen, wo er gerade erst nach Hause gekommen ist. Na, dann stehe ich morgen eine Stunde früher auf und mach den Text fertig, ich kann mir als Freiberufler meine Zeit ja glücklicherweise einteilen!

© Petra A. Bauer, 25.03.2003

Nachtrag: Wie oben zu sehen, habe ich diesen Federwelt-Beitrag im Jahre 2003 verfasst, also zu Beginn meiner Autorenkarriere. Einiges hat sich seither geändert, z.B. dass die Unterbrechungen jetzt nicht mehr durch benachbarte Mütter und streitende Kinder geschehen. Sie werden stattdessen von kurzfristigen Aufträgen verursacht, die ich doch bitte “mal eben dazwischenschieben” soll.

Ambitionierten Nachwuchsschriftstellern und -schriftstellerinnen sei an dieser Stelle gesagt: Das Business ist noch härter, als ich vor fünf Jahren geahnt habe. Der Zusatz “berühmt” ist nur mithilfe geeigneter Verlage, Mundpropaganda, einem laaaangen Atem und einer gehörigen Portion Zufall zu erlangen. “Reich” kommt - wenn überhaupt - den Erben zugute.

Aber die rauschenden Partynächte gibt es tatsächlich: Zur Buchmesse, wenn man es geschafft hat, eine der begehrten Einladungen der Publikumsverlage zu ergattern ;-)

Petra A. Bauer, 2.11.2008



© Petra A. Bauer, 03/2003
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  • Montag, 16. Mai 2016 | AUFREGER | LEBEN | CARTOONS
    Der Tod auf Latschen
    ... war es nicht, den ich neulich traf, sondern der auf Rädern. Ich gebe zu, es war eine 30-Zone, aber das Auto vor mir fuhr nur knapp 20 km/h. Mitten auf beiden Fahrbahnen. An einer Einmündung überholte ich und bekam einen Schreck: Ein uraltes Männlein mit eingefallenem Gesicht (null Unterhautfettgewebe mehr), saß zittrig am Steuer. Neben ihm irgendjemand, der deutlich fahrtüchtiger aussah. Das inspirierte mich zu diesem Cartoon: