Netzfrühling

Textbeispiel aus dem Online-Frauenmagazin inBeauty.de, in dem meine Kolumne seit Frühjahr 2008 in jeder Ausgabe erscheint.

Netzfrühling (Erstveröffentlichung am 3. Mai 2008 im eMagazin inBeauty)

Während ich diese Zeilen schreibe, wird es Frühling.
Die ersten Anzeichen dafür sind nicht die blühenden Forsythien und nicht die Rotkehlchen, die in unserer Fassadenbegrünung einen Nistplatz suchen. Ich meine auch nicht die Nachbarn, die scharenweise aus ihren Höhlen schlurfen und die Fugen zwischen den Steinen ihrer Grundstücksauffahrten mit der Zahnbürste vom Winterschmutz befreien.
Nein - meine Frühlingsboten würde ich auch bemerken, wenn ich seit Monaten nicht aus einem dunklen Kellerloch gekommen wäre, und die laue Luft nicht spüren würde, durch die seit einigen Tagen poetisch Eduard Mörikes blaues Band flattert.

Bei mir sprießt der Frühling nämlich sehr deutlich aus dem Internet. Den Winter über hatte ich geglaubt, wundersame Filter hätten dazu beigetragen, dass mir keine Liebesschwüre plumper und noch plumperer Art aus den Instant-Messengern entgegenquollen. Doch nun weiß ich es besser: Die Baggerer hielten lediglich Winterschlaf. Und nun heißt es wieder frei nach den Comedian Harmonists: Ve-ro-nika, der Lenz ist da, wir stär-ken uns mit Vi-a-gra!

Küsschen-Smileys knutschen mich via Bildschirm und virtuelle Blümchen werden bündelweise überreicht. Bussibär35 schreibt: „Ich bin alleinerziehender Vater und würde gern mit dir einen Kaffee trinken.“ Der_Hammer findet, ich sähe hammermäßig aus, fragt aber vorsichtshalber doch mal nach meinem Alter. Immerhin ist mein Foto schwarzweiß. Da besteht die Gefahr, dass es sich um das Jugendfoto einer alten Schachtel vom Beginn des 20. Jahrhunderts handeln könnte. Man(n) will sich schließlich beim Offline-Sex-Treffen nicht aus einer peinlichen Situation herausreden müssen.

Aber auch auf Online-Business-Plattformen kommen die wahren Romantiker im Frühling effektiv zur Sache:
„Ich will keine Zeit für Smalltalk verschwenden. Hast du Lust auf einen Seitensprung?“
„Klar. Wie wär’s heute Nachmittag?“
Nun hat er sich erschreckt, der Netzromeo – plötzlich herrscht Funkstille. Das macht Spaß!
Eines Tages werde ich den Spieß einfach umdrehen und die wilden Web-Werber meinerseits mit eindeutigen Angeboten erschrecken. Und zwar mitten im Winterschlaf.

© Petra A. Bauer, 04/2008
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